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Teil 5: Je müder, desto hyperaktiver

Schlafstörungen begünstigen ADHS – und umgekehrt

Schlaf

Das Kind kommt tagelang nicht zur Ruhe, zappelt herum, kann sich schlecht konzentrieren und neigt zu aggressivem Verhalten. Abends schläft es regelmäßig schlecht ein. Ob es am Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leidet? „Das kann sein, muss aber nicht sein“, sagt Thomas Erler, Ärztlicher Leiter und Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik am Klinikum Westbrandenburg in Potsdam und Leiter des Kinder-Schlaflabors. Übermüdete Kinder verhalten sich anders als Erwachsene: „Kinder sind von Natur aus sehr wissbegierig und wollen die Welt erkunden. Sie versuchen, ihre Müdigkeit zu überspielen. Das mündet dann in Hyperaktivität und wird häufig als Anzeichen für ADHS gedeutet.“

 

Hyperaktivität ist symptomatisch für ADHS, sie kann aber auch auf Schlafstörungen beruhen, die eine ganz andere Ursache haben. „Es ist wissenschaftlich ungeklärt, ob ADHS ein gestörtes Schlafprofil bewirkt“, sagt Erler. Der Zusammenhang zwischen ADHS und Schlafstörungen sei ähnlich schwer zu beantworten, wie die berühmte Frage nach der Henne und dem Ei. „Viele Kinderpsychologen und Ärzte der Sozialpädiatrischen Zentren schicken Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, ins Schlaflabor. Das ist sinnvoll, um abzuklären, ob die Kinder eventuell unter Atemaussetzern oder an einer nächtlichen verminderten Atmungsleistung leiden. In beiden Fällen kommt der erholsame Tiefschlaf zu kurz, was auf Dauer problematisch ist.“ Die Entfernung der oftmals vergrößerten Rachen- oder Gaumenmandeln kann dann Abhilfe schaffen. In seltenen Fällen ist das Schlafen mit einer Maske nötig.

 

Zu Fehldiagnosen und falschen Behandlungen kann es auch bei der (sehr selten auftretenden) Narkolepsie kommen. „Weniger als zwei Prozent der Erwachsenen leiden unter dieser Schlafkrankheit“, schätzt Erler. „Narkoleptiker schlafen mehrmals am Tag ungewollt ganz plötzlich und zu den unmöglichsten Zeiten ein“, erklärt der Schlafmediziner. Bei Kindern könne das auch im Sitzen, mitten im Spiel oder sogar beim Radfahren passieren. Auch Emotionen wie Lachen oder Weinen provozieren das plötzliche Einschlafen, das auf Außenstehende wie ein Anfall wirkt.

 

Wie viele Kinder unter Narkolepsie leiden, wurde bislang nicht systematisch erfasst. Lange Zeit wurde die Schlafkrankheit bei Kindern gar nicht diagnostiziert, weil diese sich oft zurückzogen oder sogar versteckten. Das berichten inzwischen erwachsene Narkoleptiker. Eltern merken oft frühestens im Schulkindalter, das mit ihrem Nachwuchs etwas nicht stimmt – etwa, wenn das Kind mehrmals am Tag ganz plötzlich einschläft. „Wenn Epilepsie oder Autismus diagnostiziert werden, sollte man auch an Narkolepsie denken“, rät Erler. Sonst drohe eine falsche medikamentöse Behandlung. Das sei insofern fatal, als die bei Epilepsie oder Autismus verabreichte Medizin oft besonders müde macht. Leidet ein Kind tatsächlich unter Narkolepsie, gebe es jedoch gute Möglichkeiten die Krankheit mit stimulierenden Medikamenten in den Griff zu bekommen.